Wer daran glaubt alle Gefahren nur auf sich selbst gestellt zu überstehen muss einsam werden und mit den Jahren auch an sich selbst zu Grunde geh'n. Darum Freunde, lasst es mich einmal sagen, schön das ihr hier seit, schön euch zu sehn.

Svetlana erzählt


Liebe Tierfreunde,
das Tierheim steht in der letzten Zeit schwere Zeiten durch, zu erst kommt der Brand und jetzt werden auch noch sehr viele Hunde krank und sterben. Die Svetlana kämpft mit allen diesen Problemen fast alleine, und schreibt trotzdem eine Geschichte die sie uns gerne erzählen würde. "Mag dieser Kelch an uns vorübergehen oder Geschichten der Engel auf Erden." Erste Geschichte.

"Mucha"

Im Stadtzentrum wurde auf Straßenhunde geschossen. Eine stillende Hündin und ihre fünf Welpen wurden erschossen und das sechste, das allerkleinste Welpenmädchen, war durch die Muttermilch so satt, dass es ganz fest in einem Grübchen am Baum einschlief und nichts davon mitbekam. Es hatte dieselbe Farbe wie die Erde und man entdeckte es nicht. Am Abend wurde die Kleine wach, bekam Angst und lief los, um seine Mutter zu suchen. Als die Kräfte sie verließen, blieb sie auf dem Bürgersteig liegen. Gegenüber von ihr befand sich eine Kellertür. Nur eine ältere Dame bemerkte sie, sie kam gerade hinaus, um etwas frische Luft zu schnappen. "Was willst du eigentlich hier bei uns?" sagte sie, schaute die Kleine noch mal an, winkte kurz mit der Hand und eilte wieder zurück nach Hause.
Das Welpenmädchen winselte nicht mal - es war gewohnt, einiges zu ertragen und zu warten. Plötzlich ging die Kellertür auf und trotz der späten Stunde kam ein Mann daraus, warf die Essensreste auf den Rasen, sperrte dann die Tür zu und ging weg. Diese Kellertür war die Tür zur Tischlerei und der Mann, der dort rauskam, war Tischler Ljoscha. Er verspätete sich heute etwas, da er noch einen Auftrag zu erledigen hatte. Das Welpenmädchen wartete, bis der Tischler verschwand und erst dann zog es unauffällig zu den Essensresten auf dem Rasen hinüber. Und so wurde es üblich, dass die Essensreste jeden Tag auf dem Rasen landeten, und die Kleine wartete geduldig im Busch darauf. In diesem Busch schlief es auch und verbrachte dort auch sonst seine ganze Zeit. Es unterschied sich in seiner Farbe nicht von der Erde und die Erwachsenen nahmen es nicht wahr. Nur die Kinder sahen es, aber man erlaubte es ihnen nicht, dem Hund näher zu kommen.
Als der erste Schnee fiel, sah man das Welpenmädchen plötzlich sehr deutlich. Sein Platz im Busch lag wie auf dem Präsentierteller und dann geschah ein Ereignis, welches das Hundeleben völlig veränderte. An diesem Tag war es kalt und windig; das Welpenmädchen lag in seinem Grübchen und wartete auf die Essensreste. Aber überraschend kam Ljoscha mit einem Napf voller Suppe und winkte die Kleine zur offenen Tür. Und das kleine Welpenmädchen ging dem Duft der Suppe hinterher. Noch nie probierte es eine Suppe. Aber die Freude begann erst noch. Das Welpenmädchen fraß seine Suppe, danach streichelte Ljoscha über seinen Kopf und Rücken und sagte: "Na, Mucha, so kann das Leben weiter gehen." Durch die Wärme in der Tischlerei übermannte sie der Schlaf und Mucha schlief so tief ein, wie sie nur nach der Muttermilch schlafen konnte. Und auch wenn abends Ljoscha sie wieder auf die Straße setzte, weil die Tischler nach dem Arbeitstag nach Hause gehen mussten, legte sich das kleine Welpenmädchen bestens gelaunt in sein Grübchen - es hatte jetzt einen Namen und einen Platz zum Aufwärmen. So verging der gesamte Winter: nachts alleine in der Kälte, aber tagsüber zusammen mit Ljoscha in der warmen Tischlerei. Es hat sich dort unfassbar gut gefühlt - man macht die Augen auf, schaut lange Ljoscha zu, wie er arbeitet und hin und her läuft und dann kehrt Frieden in die Hundeseele ein, die Augen fallen zu und man schläft weiter.
Die anderen beiden Tischler, etwas älter als Ljoscha, taten Mucha nichts Böses, aber gestreichelt wurde sie nur von Ljoscha. So wuchs sie auf, nicht mit Zärtlichkeiten überhäuft, nicht verwöhnt, einfach nur eine gewöhnliche Hofhündin in der Farbe der Erde. Ihre Schnauze war zierlich und schmal, man konnte vermuten, dass es bei den Vorfahren königliche Jagdhunde gegeben haben muss; Ohren waren groß und stehend, wie bei einem Schäferhund, die Augen dunkel und klug und man hatte das Gefühl, als ob man in diesen Augen eine Frage sehen würde ... Im Frühling wurde Mucha groß und als zusammen mit den ersten warmen Sonnenstrahlen ihre Läufigkeit kam, ließ sie sich die ganze Woche in der Tischlerei nicht blicken, da sie unterwegs mit den anderen Hunden war. Irgendwann kehrte sie fröhlich in die Tischlerei zurück, legte sich auf ihr Platz und schlief fest ein.

Und alles wurde wie früher.

Nach zwei Monaten ging Mucha zur Garagenanlage, um dort ihre Welpen zu bekommen. Drei Tage kam sie nicht raus, danach kam sie mit den hängenden und leeren Zitzen, um etwas zum Fressen zu bekommen. Jetzt verhielt sie sich auch anders. Sie wedelte vermehrt mit dem Schwanz, fraß alles, was man ihr gab, danach legte sie sich kurz auf die Späne, eher aus Höflichkeit als aus Not und keiner merkte, wie still und unauffällig sie wieder verschwand.
Neben der Garagenanlage, wo Mucha sich mit ihren Welpen versteckte, führte ein Gehpfad und hin und wieder liefen dort Menschen vorbei. Am Widerlichsten waren ihre Einkaufstaschen. Mucha versuchte mit ihrem eigenen Körper ihre neun winzigen Welpen, die auch eine Farbe wie die Erde hatten und allesamt wie ihre Abbilder waren, zu schützen.
Mucha's Welpen waren schon zwei Wochen alt, als das Unglück geschah. Eine der Einkaufstaschen, die Mucha ständig vor ihrem Schlupfloch sah, war besonders abstoßend. Der Hund krallte sich an dieser Tasche fest. Man kann es nicht in die Worte fassen, was danach geschah: Geschrei, Gegröle, zig Menschen haben sich versammelt.
Mucha versteckte sich, aber die angefallene Frau mit der Tasche schrie immer weiter. Menschen, die sich wegen des Lärmes versammelten, fühlten mit ihr mit und einige versuchten einen Blick in das Schlupfloch unter der Garagenanlage zu werfen, woher man ein verhaltenes Geknurre hörte.
Die betroffene Frau rief die städtische Stelle an, die für die Vernichtung der Straßentiere zuständig ist, es gab ja solche in der Stadt. Danach beschloss man zusammen, dass es nicht genug sei und riefen auch das Fernsehen dazu: ".... möge das Fernsehen einen Bericht darüber machen und zeigen, was in der Stadt los ist und wie die Hunde Menschen anfallen. Und wenn man ganz ehrlich sein soll, müssen solche Hunde auf der Stelle erschossen werden!"
Am nächsten Tag in der Früh kamen Fernsehreporter. Aus der Menge der Schaulustigen lud man einige ein, um den Hund für die Dreharbeiten zu provozieren. Solche Personen fanden sich sehr schnell, sie wurden von den anderen angefeuert. Mucha sprang aus seinem Versteck raus, biss jemanden ins Hosenbein und versteckte sich wieder im Schlupfloch unter der Garagenanlage. Das Gebell wurde aufgenommen, daraus entstand eine Reportage.
Abends zeigte man die Reportage im städtischen Fernsehen und am nächsten Morgen nahmen Dinge ihren Lauf: es kam das sogenannte "Schießkommando" der zuständigen städtischen Einrichtung. Laut neuem Erlass schoss man ausschließlich mit vergifteten Bolzen.
Mucha wurde mit einem Stock aus ihrem Schlupfloch unter der Garagenanlage hinaus gejagt, drei Bolzen bohrten sich in den Hund und die völlig verstörte Mucha stürzte sich quer durch den Hof in die Tischlerei. Das "Schießkommando" rannte ihr hinterher. Alle Tischler kamen aus ihrer Tischlerei auf die Straße. Der Hund quetschte sich in die hinterste Ecke. In völliger Verständnislosigkeit des Geschehens rannte der Hund von einer Ecke zur anderen.
Wie viele Schüsse abgegeben wurden, hat man nicht gezählt. Bolzen flogen einer nach dem anderen. Späne und Boden waren voller Blut. Schließlich schwankte Mucha und fiel hin. Zwei vom "Schießkommando" trugen sie hinaus und warfen sie in den Laderaum ihres speziell ausgerüsteten Autos.
Ganz still gingen die Tischler in ihre Tischlerei zurück und keiner verlor ein Wort, während sie die blutigen Späne auf dem Boden zusammen kehrten und das Blut wegwischten.
Aber noch war diese Geschichte nicht zu Ende.
Mucha kehrte in acht Tagen zurück, wie ein Gespenst, besser gesagt wie ein Skelett, nur mit Haut überzogen. Sie schleppte sich gerade so voran. Zuerst schaute sie in ihr Schlupfloch unter der Garagenanlage - dort gab es nichts mehr. Sie blieb noch kurz stehen, schaute suchend nach etwas und ging dann in die Tischlerei. Die Männer freuten sich sehr. Sie bekam nur das Beste zum Fressen, aber sie fraß ganz wenig und Ljoscha streichelte dabei die ganze Zeit ihren Kopf. Und auch die anderen älteren Tischler streichelten sie und allen fiel ein Stein vom Herzen. Sie nahm all dies wie etwas Selbstverständliches an, oder vielleicht war ihr das alles auch ganz gleichgültig. Sie beugte ihren zierlichen Kopf mit großen Ohren und es sah so aus, als ob sie die ganze Zeit noch auf etwas warten würde.
Nach ein paar Tagen wurde Mucha wieder von der Frau mir der abstoßenden Einkaufstasche gesehen; diese informierte wieder die für die Vernichtung der Straßentiere zuständige städtische Einrichtung.
Die Angst saß den Menschen im Nacken. "Dieser Hund ist eine Gefahr für uns alle, früher oder später wird er jemanden totbeißen", sagten die einen, "Hier laufen überall Kinder rum", - sagten die anderen. Als Antwort auf den Antrag der Bürger kam letztendlich der Befehl, diesen Hund zu vernichten.
Am späten Abend kamen wieder zwei mit den Bolzen. Sie legten sich auf die Lauer. Mucha verschwand still und unsichtbar. Sie hatte doch die Farbe wie die Erde - wie sollte man sie im Auge behalten? Ein Schatten schoss hinter der Garagenanlage, das "Schießkommando" merke nicht mal was.
Ljoscha traf Mucha noch einmal fünf Häuserblöcke von seiner Tischlerei entfernt, sie stöberte in einem Müllhaufen herum, suchte nach Fressen. Er rief ihr zu: "Mucha!", sie hob ihren Kopf zu ihm, wedelte kurz mit dem Schwanz. Sie erkannte ihren Namen und auch Ljoscha. Aber mehr auch nicht. Es war alles still und friedlich in ihr, sie schaute nochmals Ljoscha an und ging fort, als ob sie verstehen würde, dass ihre Zeit auf dem Müllhaufen zu Ende war und sie jetzt wirklich gehen muss. Sie verschwand wie immer sehr einfach - ihre Farbe verschmolz mit der Farbe der Erde. Sie hatte keinen Namen mehr und auch keinen Ort, zu dem sie gehören würde. Jetzt lief Mucha ohne Eile dorthin, wohin ihre Mutter, ihre Brüder und Schwestern gegangen waren. Die Frage in ihren Augen war erloschen.
Und das war gut so.
Man traf sie nie mehr.
Diese Geschichte erfuhr ich direkt von Tischler Ljoscha. Zu meinen Hunden in Kalinino brachte er drei Welpen von Mucha, die anderen wurden von den weiteren Menschen aufgenommen. Die drei, die wir hatten, sind groß geworden und wir gaben sie in gute Hände. Es sind ganz feine Kerle geworden, stinkgewöhnliche Hofhunde eben.
Die erste Geschichte widme ich Martina und Nika.
In Liebe, Svetlana Konovalova.

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